Rolle der Medien kritisch betrachtet

Rhein-Lahn-Zeitung, 20. September 2016:

Vortrag Beim zweiten Nassauer Dialog spricht Ex-ZDF-Intendant Markus Schächter über die Branche

Von unserem Redakteur Carlo Rosenkranz

Nassau. Rund 140 Gäste sind der Einladung zum öffentlichen Vortrag des zweiten „Nassauer Dialogs“ in die Stadthalle gefolgt. Prof. Markus Schächter, ehemaliger Intendant des ZDF, legte seine drei Thesen zur Frage dar, wohin sich die Medien als sogenannte vierte Gewalt entwickeln. Interessierte Bürger aus Nassau und dem Umland, die knapp 30 geladenen jungen Führungskräfte, Medienschaffende sowie Vertreter der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft (FvSG) und der G. und I. Leifheit-Stiftung tauschten sich im Anschluss durchaus kontrovers noch lange über das Thema im persönlichen Gespräch aus.

Schon die Grußworte stießen direkt zum Thema vor. Die Grenzöffnung für Tausende Asyl suchende fand während der Premiere des Nassauer Dialogs vor einem Jahr statt, erinnerte Prof. Hans-Günter Henneke, Vizepräsident der FvSG. Nun werde offenbar, dass Medien und Politik in einer Vertrauens- und Legitimationskrise steckten. Für den politischen Bereich werde das an den hohen Stimmenanteilen der AfD bei mehreren Landtagswahlen sichtbar. Vielen Menschen sei der Glaube an den eigenen Fortschritt verloren gegangen. Es fehle das Gefühl von Sicherheit, wobei dieses Empfinden völlig losgelöst von der tatsächlichen wirtschaftlichen Lage sei. „Wir stehen gut da“, meinte Henneke. An die Medien stellte er die Frage, ob es richtig gewesen sei, so breit über die Pegida-Demonstrationen im vergangenen Winter zu berichten und jeden Halbsatz aus der bayerischen CSU zu verbreiten. „Personalisieren wir, skandalisieren wir, oder sind wir lösungsorientiert?“, sagte Henneke.

Das von Pegida-Anhängern genutzte Bild des Jornalisten mit langer Pinocchionase führte Markus Schächter, der seit 2012 Honorarprofessor für das Fach Medienethik ist, zum Auftakt seines Vortrags an. Der mittlerweile verbreitet genutzte Begriff „Lügenpresse“ habe seinen Ursprung im Dritten Reich und sei ein „aggressives Synonym für einen eklatanten Vertrauensbruch mit den etablierten Medien“. Die Medien würden verdächtigt, Informationen zu unterschlagen und Teil des Systems zu sein. Diese Ansicht werde auch in weniger radikalen Lagern vertreten. Da das Vertrauen das höchste Gut der Medien sei, gehe es für sie ans Eingemachte.

Dass auf Journalisten geschimpft werde, sei nichts Neues. Das hätten Mainzer Mönche zu Gutenbergs Zeiten ebenso getan wie Helmut Schmidt, Helmut Kohl und Joschka Fischer. Allerdings seien sie nie höher angesehen gewesen, als in den vergangenen 70 Jahren. Das Bundesverfassungsgericht habe ihnen eine Systemrelevanz in der deutschen Demokratie bescheinigt. „Der Begriff der vierten Gewalt ziert uns“, sagte Schächter. Die Medienvielfalt sei Grundlage für einen sinnvollen öffentlichen Diskurs. Obwohl Deutschland das beste Pressesystem der Welt habe, sei es an der Zeit sich selbstkritisch zu hinterfragen. Warum, erläuterte der gebürtige Pfälzer Schächter in seinen drei Thesen.

Das Internet hat Schächter zufolge nicht nur das Geschäftsmodell der „alten“ Medien ausgehöhlt, sondern auch deren Informationsmonopol zerstört. Das neue Medium verband er mit den Begriffen „selbstbewusst, militant, aggressiv“. Das Übermaß an Information verwirre viele Menschen. Zugleich meinten viele aufgrund der im Netz vorhandenen unzähligen, scheinbar objektiven Info-Angebote und Plattformen, sie wüssten es selbst am besten. Die Folge: Sie glauben den klassischen Medien nicht mehr. Das Netz aber sei ein „Spiegelkabinett der Spekulationen und Gerüchte“. Was früher am Stammtisch in kleiner Runde verhallte, finde nun einen unbeschränkten Echoraum.

„Absurder Wahnwitz“

Zugleich fürchte etwa ein Drittel der Bürger, ihr Zuwachs an Wohlstand ende, der Abstieg stehe unmittelbar bevor. „Während sie sich im täglichen Überlebenskampf wähnen, geht es objektiv vielen von ihnen besser als je zuvor“, sagte Schächter. Ihre Sorgen fänden sie weder in den Medien, noch in der Politik beachtet. Die Folgerung: Mainstreamjournalisten machen gemeinsame Sache mit der politischen Klasse. Die Vorstellung, die Kanzlerin telefoniere den Redaktionen jeden Morgen durch, was zu berichten sei, bezeichnete Schächter als „absurden Wahnwitz“. Im Gegenteil: „Es gibt eine unerhört große Meinungsfreiheit der Journalisten in unserem Land.“

Von zentraler Bedeutung ist für den Professor für Medienethik auch der Umgang der Journalisten mit den eigenen Fehlleistungen. Beim Zusammenbruch der US-Bank Leeman Brothers 2008 seien die Medien ihrer Funktion nicht nachgekommen. Im Zusammenhang mit der stark boulevardisierten Berichterstattung über den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff habe die Presse die Ethik des eigenen Standes verletzt. Und das tagelange Schweigen über die Silvesternacht 2015 in Köln sei Futter für Verschwörungstheoretiker gewesen. Zuletzt habe besonders das Flüchtlingsthema an der Glaubwürdigkeit der Medien gekratzt. „Große Teile haben die Willkommenskultur übernommen. Kritische Stimmen waren gleich verdächtig“, sagte Schächter und folgerte für die Branche: „Wir waren zu einseitig.“

Nicht legitimiert

Auch kurzatmige Fehlmeldungen zum Absturz der German-Wings-Maschine in den Alpen und zum Amoklauf in München nannte der Referent als Beispiele, wie Journalisten unter dem – auch durch das Internet verstärkten – Druck, schnellstens Exklusives zu liefern, Fehler machten. „Es gibt in der Branche wenig Bereitschaft, sich zu entschuldigen.“ Als „vierte Gewalt“ sei man in gewisser Weise unbelangbar, weil man nicht über Wahlen legitimiert werden müsse.

Trotz aller aktuellen Probleme sieht Schächter die Zeitungen, Magazine und Sender auf einem guten Weg. „In den Redaktionen beginnt ein substanzielles Nachdenken“, meinte er. Die Debatte um Standards, Ethik und Qualitätsanspruch der Medien komme in Fahrt. Ohne ins Detail zu gehen, forderte er ein Regelwerk, das über die Leitlinien des Pressekodex hinaus geht. Wenn es stimme, dass Journalisten Maßstäbe nicht einhalten, die sie wie selbstverständlich an andere alegten, müsse man daran arbeiten. „Journalisten haben Moral zu haben, aber keine Moral zu verkündigen“, sagte Schächter. „Sie sind keine Prediger.“

Zu Gast in der Stadthalle aus Anlass des Nassauer Dialogs sind (von links): Malte Lehming vom Tagesspiegel, Jörg Denninghoff MdL, Stadtbürgermeister Armin Wenzel, Sebastian Graf von Kanitz, Prof. Hans-Günter Henneke, Journalistin Monika Zimmermann, Referent Prof. Markus Schächter, Ilse Leifheit, Josef Peter Mertes, Werner Stump (alle G. und I. Leifheit-Stiftung), Jasper von Altenbockum und Prof. Bernd Walter. Foto: Carlo Rosenkranz

Das ZDF-Orange kommt von den Nassauer Farben

Markus Schächter kam 1981 zum ZDF. Von 2002 bis 2012 war er Intendant. „In meiner Zeit beim ZDF wurde Marketing immer bedeutsamer“, sagte Schächter zu Beginn seines Vortrags in der Nassauer Stadthalle. Um die Jahrtausendwende habe man auf der Suche nach einer neuen Farbe für die Corporate Identity einen Workshop in der Nähe durchgeführt. „Das Orange haben wir aus Nassau“, sagte Schächter nun. Die auffällige Farbe verwandte keiner der Mitbewerber und sie hebt sich bis heute auf Bildern vom Mikrofondschungel heraus. crz

Mertes: Diese Themen sind für die gesamte Gesellschaft wichtig

Rhein-Lahn-Zeitung, 15. September 2016:

Josef Peter Mertes

Interview Josef Peter Mertes von der G. und I. Leifheit-Stiftung über den Nassauer Dialog

Nassau. Der zweite „Nassauer Dialog“ der Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft beginnt am Freitag, 16. September, mit einem öffentlichen Vortrag des ehemaligen ZDF-Intendanten Prof. Markus Schächter. Er spricht von 19 Uhr an in der Stadthalle zum Thema „Medienkrise? Wohin geht die ,Vierte Gewalt‘ in Deutschland?“ Gefördert wird die Veranstaltung durch die G. und I. Leifheit-Stiftung. Der stellvertretende Vorsitzende Josef Peter Mertes spricht im Interview über das Ziel des „Nassauer Dialogs“ und andere Projekte.

Was verspricht sich die Stiftung davon, mit dem „Nassauer Dialog“ junge Nachwuchsführungskräfte für ein Förderprogramm – überspitzt gesagt – in die Provinz zu holen?
Wir wollen junge Wissenschaftler sowie qualifizierte Nachwuchskräfte aus Wirtschaft und Verwaltung zusammenführen, und zwar hier in Nassau, dem Ort, den unsere Stiftung besonders fördern möchte. Aus dieser zunächst für jeden Teilnehmer einmaligen Einladung wollen wir längerfristig ein Alumni-Netzwerk entwickeln. Die intensive Beschäftigung mit aktuellen gesellschaftspolitischen Themen informiert und bildet weiter, fördert aber auch das Zusammenwirken und den Gemeinschaftsgeist der Gruppe.

Zum Nassauer Dialog gehört ein öffentlicher Vortrag mit einem prominenten Referenten. Dabei werden Themen wie die Zukunft des Parteienstaats oder die Medienkrise behandelt, die eher bei Vorträgen in Städten wie Mainz, Köln, Hamburg oder Berlin zu erwarten sind. Welche Zielgruppe sprechen Sie damit an?
Wer sagt denn, dass „Medienkrise“ oder „Bürgernähe“ Themen nur für die Städte und große Zentren sind? Sie sind für die gesamte Gesellschaft in Deutschland und Europa wichtig, und diese – Sie gestatten, dass ich so flapsig formuliere – lebt zum großen Teil im ländlichen Raum.

Sie waren im vergangenen Jahr bei der Premiere in der Stadthalle dabei. Waren Sie mit der Resonanz zufrieden?
Es war die erste Veranstaltung, und ich fand sie gut. Wir hätten uns allerdings schon mehr Resonanz insbesondere der Bürger, aber auch der kommunalen Vertreter gewünscht. Vielleicht war aber auch noch nicht bekannt, dass es eine offene Dialogveranstaltung ist, zu der auch die Öffentlichkeit herzlich eingeladen ist.

In diesem Jahr stehen die Medien im Mittelpunkt der Debatte. Sie haben als Politiker und Chef der ADD in Trier selbst oft mit Journalisten zu tun gehabt. Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Presse?
Meine persönlichen Erfahrungen aus immerhin 50 Jahren politischer Arbeit mit und unter kritischer Beobachtung der Presse sind bis auf wenige Ausnahmen ausgesprochen gut. Das kommt aber auch daher, dass ich über viele Jahre zur Presse in Rheinland-Pfalz, aber insbesondere in meiner Heimatregion gute Beziehungen aufbauen und pflegen konnte. Es gibt natürlich auch weniger gute Beispiele für Pressearbeit und aktuelle Probleme, was angesichts der Vielzahl und Differenziertheit der Medien in Deutschland nicht verwundert.

Welche weiteren Projekte der Stiftung kommen Nassau zugute?
Das Alumni-Netzwerk, das wir aufbauen wollen, wird als Veranstaltungsort auch Nassau und die Lahn-Region berücksichtigen. Der „Nassauer Dialog“ ist aber nur eines von vielen Projekten, die wir als Stiftung in Nassau und Umgebung fördern. Kultur- und Bildungsförderung, die Förderung sozialer Aufgaben, der Leifheit-Campus, die Stiftungsprofessur Geriatrie an der Uni-Medizin Mainz, geschichtliche Projekte, die Entwicklung einer Senioreneinrichtung, die Verbesserung der medizinischen Versorgung alter und kranker Menschen und viele weitere Fördermaßnahmen werden Nassau und die Region voranbringen. Es ist sehr gut für diese Region, dass unser Stifter Günter Leifheit Nassau nie aus dem Herzen verloren hat und uns die Stiftungsmittel hinterlassen hat, die Stadt und die Region voranzubringen.

Die Fragen stellte Carlo Rosenkranz

Verstaubte Schriftstücke bergen Bemerkenswertes

Rhein-Lahn-Zeitung, 3. August 2016:

Forschung Die G. und I. Leifheit-Stiftung fördert wissenschaftliche Arbeit über die Verfassungsgeschichte des Herzogtums Nassau

Von unserem Redakteur Carlo Rosenkranz

Nassau/Bielefeld. Für den Laien wirken Thema und Umfang lähmend, der Fachmann dürfte begeistert sein. Und für den Professor ist es nicht weniger als ein Lebenswerk, dem er sich geradezu euphorisch widmet. Zehntausende Buchseiten in zig Bänden sollen in den kommenden Jahren gefüllt werden. Alle drehen sich um das deutsche Verfassungsrecht zwischen 1806 und 1918. Darin werden alle in diesem Zeitraum bestehenden deutschen Einzelstaaten berücksichtigt. Zur Erforschung des Herzogtums Nassau finanziert die in Nassau ansässige G. und I. Leifheit-Stiftung für zwei Jahre eine halbe Stelle am Lehrstuhl des Rechtswissenschaftlers Prof. Dr. Michael Kotulla.

Rund 14 Stunden arbeitet der Jurist, schließlich will der 55-Jährige das Projekt während seiner aktiven Zeit an der Universität zum Abschluss bringen. Das Ergebnis soll nichts weniger sein als etwas nie Dagewesenes. Es ist Grundlagenforschung im Wortsinn, denn Kotulla zufolge ist die Rechtsgeschichte des 19. Jahrhunderts in der Forschung bisher „völlig unterbelichtet“. Das gelte allgemein für diese Zeitperiode. Der Wissenschaftler sagt: „Von Napoleon und Kaiser Wilhelm hat jeder mal in der Schule gehört. Aber der Deutsche Bund taucht kaum auf und ist selbst einigen Professorenkollegen kein Begriff.“ Dabei seien die damaligen Entwicklungen Grundlage dessen, was wir heute sind – trotz der Brüche, die die beiden Weltkriege darstellten.

Die Recherche ist für den Professor Mühsal, Geduldsprobe und Stimulus zugleich. In den einschlägigen Archiven herrsche mitunter ein ganz eigener Rhythmus, der für den wissbegierigen Jäger zeitgenössischer Dokumente eine Herausforderung ist. „Man braucht eine Menge Leidenschaft“ sagt Kotulla, „denn Archivarbeit ist langatmig und braucht Zeit.“ Zugleich preist er die Archivare, die absolute Fachleute ihres Gebiets seien. „Ich lerne viel von ihnen“, sagt er. Die Archivare fördern vieles zutage, was den Bielefelder Lehrstuhlinhaber Entzücken bereitet. Der Grund: „Es ist ein tolles Gefühl, wenn man weiß, dass man unter den Lebenden der Erste ist, der in ein altes Dokument hineinschaut.“ Kotulla schätzt, dass 30 bis 40 Prozent der von ihm aufgestöberten Texte seit 150 Jahren niemand mehr in der Hand hatte. Entsprechend dicke Staubschichten lägen oft über den Bänden. „Ich müsste eigentlich im Blaumann arbeiten“, sagt er.

Seit Juli vergangenen Jahres wird am Band über das Verfassungsrecht des Herzogtums Nassau gearbeitet. Es wird der zehnte oder elfte in der Reihe sein und dürfte um 2018 erscheinen. Nassau gehört zu den kleineren deutschen Staaten des 19. Jahrhunderts und keineswegs zu den bekanntesten. Dabei gibt es durchaus Bedeutendes zu entdecken. „Das Herzogtum gehört zu den zwei oder drei deutschen Staaten, die schon früh eine geschriebene Verfassung hatten“, erläutert Kotulla und verweist auf das Datum 1814. „Das ist für sich schon bemerkenswert.“ Beim Durchforsten der Archive und dem Auswerten der Funde betritt der Professor nach eigener Einschätzung Neuland. „Es ist bislang nicht aufgearbeitet, was das Herzogtum ausmachte und welche Rolle die dynastischen Verflechtungen spielten“, sagt Kotulla. Das soll sich nun ändern, und der Wissenschaftler ist voller Dank für die finanzielle Unterstützung der G. und I. Leifheit-Stiftung. „In unserem Fachbereich ist es nicht ganz so einfach, Sponsoren zu finden“, sagt der Lehrstuhlinhaber.

Schreibfehler inklusive

Rund 430 Texte über Nassau hat der Professor mit seinem Team bereits recherchiert. Die Dokumente, darunter auch handschriftliche, werden fotografiert und originalgetreu abgetippt – Schreibfehler und Umbrüche des Originals inklusive. „Es werden wieder rund 2000 Buchseiten zusammenkommen“, schätzt der Wissenschaftler den Umfang des Nassau-Bandes. Gerade die weniger bekannten Staaten hätten Überraschendes zu bieten. „Für mich war das Herzogtum Nassau nur irgendein Kleinstaat, aber jetzt bin ich fasziniert“, sagt Kotulla. In der Schule lerne man, dass die Paulskirchenverfassung von 1849 die modernste ihrer Zeit gewesen sei. „Doch das ist Blödsinn. Die kleinsten Staaten waren viel weiter.“ In einigen habe bereits der Ausdruck Demokratie Verwendung gefunden, obwohl er damals allgemein ein Schimpfwort gewesen sei.

Auch wenn verstaubte Schriftstücke den Kern seiner Arbeit bilden, findet der Rechtswissenschaftler in seinem Projekt zahlreiche Bezüge in die heutige Zeit. Aus dem von 1815 bis 1866 bestehenden Deutschen Bund könne man beispielsweise viele Erkenntnisse gewinnen, die für das heutige Europa von Interesse seien. „Das erkennt bislang kaum jemand“, sagt Kotulla. Dabei gehe es um die Frage, wie kleine Staaten in einem Bund ein gewisses Gewicht haben könnten, während die Großen eine Führungsrolle übernehmen. „Nicht alles war damals gut, aber man sollte mal hineinschauen und Anleihen machen.“ Spannend findet der Wissenschaftler auch, wie im Herzogtum Nassau bundesrechtliche Vorgaben umgesetzt worden sind. Und selbst das Grundgesetz der Bundesrepublik ist Kotulla zufolge nicht die Krone der Schöpfung. „Keine Frage: Die Festschreibung der Grundrechte ist hervorragend, aber viele Fragen der Organisation des Staats wurden im 19. Jahrhundert besser gelöst.“

Zwei Leidenschaften vereint

Der Bielefelder Professor hofft, dass seine Grundlagenarbeit junge Juristen motiviert, Doktorarbeiten zum Themengebiet zu schreiben. „Juristen gehen nicht gern ins Archiv, aber wir legen die Quellen vor“, sagt er. In seiner Person vereinen sich zwei Leidenschaften, die für das Forschungsprojekt unabdingbar sind. Kotulla ist nicht nur Rechtswissenschaftler, sondern auch Historiker mit Abschluss. „Das ist eine glückliche Mischung“, urteilt er selbst, obwohl er Jura in seiner Karriere den Vorzug über die „brotlose Kunst“ des Historikers gab. Beim Projekt Verfassungsgeschichte, das der Erfüllung eines Lebenstraums gleichkommt, aber erweist sich die Fächerwahl als symbiotisches Ideal. „Der Historiker allein kann bei diesem Thema nichts ausrichten, denn ihm fehlt der richtige Blick; der Jurist aber auch nicht, denn ihm fehlen die geschichtlichen Hintergründe und die Methodik.“ Nicht nur spezialisierte Geisteswissenschaftler will Kotulla mit seinem Projekt ansprechen. „Vieles ist auch für Hobbyforscher interessant“, sagt er und verweist auf die 400 Seiten umfassende Einführung über das 19. Jahrhundert.

Die Souveränitätserklärung des Herzogtums Nassau aus dem Jahr 1806 gehört zu den zahllosen Dokumenten, die im Rahmen des Forschungsprojektes fotografiert und originalgetreu abgetippt werden. Fotos: Uni Bielefeld
Die Souveränitätserklärung des Herzogtums Nassau aus dem Jahr 1806 gehört zu den zahllosen Dokumenten, die im Rahmen des Forschungsprojektes fotografiert und originalgetreu abgetippt werden. Fotos: Uni Bielefeld
Prof. Michael Kotulla

Fachmann für Verfassungsgeschichte der Neuzeit

Prof. Michael Kotulla hat an der Philipps-Universität Marburg Rechtswissenschaft und Geschichte („Magister Artium“) studiert und habilitierte sich im März 1999 am Fachbereich Umweltwissenschaften der Universität Lüneburg für die Fächer Staats- und Verwaltungsrecht sowie Verfassungsgeschichte der Neuzeit. Der Lehrstuhl für Öffentliches Recht, insbesondere Umweltrecht, wurde 1999 an der Universität Bielefeld neu eingerichtet. Die dortige Forschungs- und Lehrtätigkeit erfasst nahezu sämtliche Bereiche des Staats- und Verwaltungsrechts sowie die neuzeitliche Verfassungsgeschcihte. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Umweltrecht. Die verfassungsgeschichtlichen Aktivitäten konzentrieren sich auf die Rechtsquellengrundlagenforschung. Das Hauptaugenmerk in Forschung und Lehre gilt insoweit der Verfassungsgeschichte des 19. Jahrhunderts.

Bildungspakt gibt Geld für Kitas und Schulen

Rhein-Lahn-Zeitung, 18. April 2016:

Förderung Stiftung unterstützt Anschaffung von Instrumenten sowie die musikalische Ausbildung – Kapital aus dem Leifheit-Erbe aufgestockt.

VG Nassau. Das Kuratorium der unselbständigen Stiftung „Bildungspakt für Nassau“ stellt den Kindertagesstätten und Grundschulen in der Verbandsgemeinde Nassau in diesem Jahr rund 75000 Euro Fördermittel zur Verfügung. Dies beschlossen die Kuratoriumsmitglieder Helmut Klöckner, Wilhelm Herm, Susanne Heck-Hofmann und Armin Wenzel sowie Bürgermeister Udo Rau als Vertreter des Stiftungsträgers in ihrer jüngsten Kuratoriumssitzung. Mit den bewilligten Mitteln werden Musikinstrumente angeschafft, die musikalische Ausbildung durch die Kreismusikschule und private Anbieter fortgesetzt sowie Workshops und Sonderveranstaltungen bezuschusst.

Kuratoriumsvorsitzender Helmut Klöckner konnte zu Beginn der Sitzung mitteilen, dass die G. und I. Leifheit-Stiftung dem aus dem Erbe von Günter Leifheit gespeisten Stiftungskapital 50000 Euro hinzugefügt hat. Weiterhin berichtete der Vorsitzende von dem außerordentlichen Erfolg des „Frankfurter Kinderliedermacherfestivals“, was Grundschule und Oranienschule Singhofen zusammen mit Unterstützung der Stiftung durchgeführt haben. Klöckner bezeichnete diese Veranstaltung und die vorausgegangenen Workshops mit bundesweit bekannten Kinderliedermachern als ein Leuchtturmprojekt für die Stiftung. Das begeisternde Mitmachen der 140 Kinder sei eine wahre Freude gewesen. Er könne sich vorstellen, dass man eine solche Veranstaltung, wenn dies gewünscht würde, auch für die Kinder der Kindertagesstätten bezuschussen würde.

Weiterhin diskutierte das Kuratorium Möglichkeiten, wie man im Sinne des Stifters Günter Leifheit Kinder und Jugendliche aus der Verbandsgemeinde Nassau bei Schuldefiziten und mangelnden Sprachkenntnissen unterstützen könnte. Die beiden Bürgermeister wollen sondieren, ob man dies mit bestehenden Einrichtungen und Initiativen der Schüler- und Flüchtlingshilfe bewerkstelligen kann. Anregungen und Hinweise nimmt das Kuratorium gern entgegen.

75000
Euro
 stellt die unselbständige Stiftung „Bildungspakt für Nassau“ in diesem Jahr den Kindertagesstätten und Grundschulen in der Verbandsgemeinde Naassau für die musikalische Ausbildung des Nachwuchses zur Verfügung.